Paul Auster, ich liebe dich. Wenn ich könnte, würde ich dir jeden Tag eine Rose ans Grab bringen. Du bist einer der wenigen Autoren, die es geschafft haben, mich nach nur einem einzigen Roman – Baumgartner (gelesen im Oktober 2024) – so sehr zu faszinieren, dass ich nicht nur dein Werk, sondern vor allem dich als Person kennenlernen wollte.
[Kurze Erklärung über Baumgartner und meine Faszination an diesem Buch, eigentlich soll es um etwas ganz anderes gehen: Oft lese ich Bücher und stolpere, mal öfter, mal weniger oft, über Passagen, die mich nicht erreichen. Textstellen, die ich einfach nicht durchblicke – entweder aufgrund der extrem spärlichen Sprache oder einer für mich zu abstrakten Erzählweise. Ich glaube dann, dass ich mit einem geschulteren Blick oder etwas mehr Verstand besser verstehen würde, worum es eigentlich geht. (Ich versuche mich dann immer mit dem Argument des persönlichen Geschmacks zu trösten. Die Frustration, etwas nicht in vollen Zügen genießen zu können, bleibt allerdings trotzdem.) Wenn ich dann das Buch endgültig (vielleicht auch doch nur vorerst) zuklappe, denke ich, ich habe nur das halbe Buch gelesen und auch nur die halbe Größe des Werks erkannt (aktuellster Fall: Han Kang, Die Vegetarierin).
So allerdings nicht bei Baumgartner. Baumgartner schafft es, eine bewegende, weitreichende Geschichte zu erzählen, durch die man hindurchgleitet, gerade weil es keinen Anspruch auf besonders geistreiche Sprache oder noch nie dagewesene Metaphern gibt, die immer nur das Gefühl eines Gefühls beschreiben (denn alles andere wäre ja viel zu einfältig und offensichtlich). Paul Auster schreibt aus seiner Seele heraus und macht das Buch damit so einfach, so bodenständig, so real und vor allem so menschlich. Diese Art zu erzählen hat mich zutiefst bewegt, mich inspiriert und vor allem hat es Spaß gemacht.]
Um also mehr über dich und deine Seele, die du so schön zu Papier bringen kannst, zu erfahren, kaufte ich mir Winterjournal (2012 erschienen). Ich fing an zu lesen – und es zog sich. Wenig Interessantes, vieles belanglos. In der Mitte des Buches erzählst du über gefühlte 200 Seiten (in Wahrheit sind es 55) von deinen verschiedenen Wohnungen und Häusern, die du all die Jahre bewohnt hast, und ich kann mich an keine einzige Geschichte davon erinnern. 21 Behausungen, jede davon im Durchschnitt zwei bis drei Seiten – und keine davon ist bei mir hängen geblieben.
Und ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass alles in diesen Wohnungen und Häusern so unspektakulär ablief. Nein, ich denke vielmehr, dass es einfach nicht erzählt wurde. Diese Orte, die du einst dein Zuhause nanntest, wurden abgefrühstückt. Wie kann ich mir am Ende merken, welche deiner Wohnungen die siebte war? Nur dein ständiges Umherziehen gab mir nichts.
Und dieser Eindruck des Abfrühstückens zieht sich durch das ganze Buch. Alles wurde so knapp und objektiv wie möglich beschrieben, und so gut wie nie wird ins Detail gegangen. Keine selbstkritische Auseinandersetzung mit deiner Vergangenheit oder deinen Gefühlen. Ich wollte in dich hineinschauen, ich wollte, dass du dein Herz, mit allen Narben und noch offenen Wunden, schamlos der Welt präsentierst, genauso wie du es Sy Baumgartner tun ließest. Winterjournal hat mich enttäuscht, ich hatte mehr erwartet. Vielleicht war mein Anspruch auch zu hoch.
Aber weil man nie vom Kleinen aufs Ganze schließen sollte und vor allem die Menschen, die man liebt, mindestens zwei Chancen verdient haben, wollte ich es noch einmal versuchen. Ich entschied mich für deinen zweiten Erinnerungsband: Bericht aus dem Inneren (2013 erschienen). Da das Buch nur ein Jahr nach Winterjournal erschien, war ich sehr neugierig, worüber du schreiben würdest. Ist zwischen 2012 und 2013 so viel passiert, dass sich ein noch längeres Buch als Winterjournal damit füllen lässt? Bringst du zweimal dasselbe Buch heraus und fügst ein paar Bilder in die letzten Seiten ein? (Ab Seite 290 gibt es ein Kapitel namens „Album“, das nur aus Bildern besteht.) Oder hast du einen anderen Ansatz gewählt und erzählst vielleicht ganz neue Geschichten über dich?
Zwei Tage später waren all diese Fragen beantwortet. Ich konnte es nicht fassen. Das Buch verließ meine Hände nur, wenn ich physisch nicht weiterlesen konnte. Ich war gefangen in deiner Welt, denn ich war ein Teil deiner Welt. Es war, als würde ich dich in einer Bar treffen, und wir würden über alte Zeiten reden. Alles fühlte sich so echt, so verbunden und so nostalgisch an. Als wäre ich Teil dieser Geschichten. Und als würden wir beide erkennen, wie viel wir über all die Jahre gelernt haben.
Du hast mir bewiesen, dass meine Liebe zu dir gerechtfertigt ist. Und dass man nach einem Buch, das einen enttäuscht, nicht den ganzen Autor abschreiben sollte.
Ich sollte öfter alten Autoren, auch wenn mir ein Buch nicht gefallen hat, eine zweite Chance geben. Vielleicht verbirgt sich irgendwo noch ein ungefundener Schatz.
